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Marx hinterm Tresen

Grandios gedacht, glänzend gemacht: Das Puzzle

 
Copyright: Süddeutsche Zeitung

Anfangs klingt alles echt: der „mit sozialistischem Gruß“ schließende Bericht der zentralen Auswertungs- und Dokumentationsgruppe des Sicherheitsdienstes an den Minister über die Entwendung zweier Bronze-Figuren mittels unbekannter Technik: „Gewicht Marx inkl. Stuhl: 4353 kg, Gewicht Engels: 4202 kg, inkl. Manifest 4221,8 kg. Marx sitzend, Engels seitlich hinter ihm stehend, rechte Hand auf linker Schulter des Marx.“ Eine subversive Aktion einer „feindlich-negativen“ Gruppierung, die nun von der Staatssicherheit in der ganzen DDR           gesucht wird. In die Fänge der Büttel gerät Werner Wartnich, Student im anhaltinischen Köthen und bereits unter Beobachtung stehend. Kurz darauf kommt es zu einer Anzeige des „Exquisit“-Bekleidungsgeschäftes in Köthen gegen Unbekannt wegen Diebstahls zweier Herrenanzüge aus grünem Nadelkord und Jeans sowie Schuhwerk. Das Labor ermittelt, dass Bartträger der Tat verdächtigt werden müssen.

Doch bekanntlich hat sich das Berliner Denkmal der Klassiker des Sozialismus nie aus dem Staube gemacht, also handelt es sich um eine Fiktion, ausgedacht von Norbert Viertel und als Hörspiel mit dem Titel „Das Puzzle“ inszeniert - grandios ausgedacht, glänzend inszeniert.

Die wie eine Dokumentation anmutende Geschichte beginnt im März 1989, im Jahr der Wahlen der Volkskammer, der Zulassung des Neuen Forum, der von der SED ausgerufenen Wende, des Zusammenbruchs. Man könnte fast meinen, in diesem Hörbuch haben alle Beteiligten des Umbruchs das Wort bekommen: Die intellektuelle Jugend wirkt subversiv, die Stasi verhört, die SED behält den Betonkopf, den Vertretern der Presse tropft der Schleim aus Maul und Feder. Dann wird die Ordnung korrigiert: Betonköpfe zerbröseln unter dem Druck der revolutionären Kräfte, die Presse sucht neue Schleimkanäle durch die Blockparteien, die von den westdeutschen Parteiapparaten unter wahlkämpferischem Rülpsen verdaut werden. Die bewegten Bürger, die beim Neuen Forum Flugblätter falten und Demokratie wagen, drohen unter die Räder der Wahlkampfmaschine zu geraten, wenn sie nicht den Wagen mit der großen Sonnenblume (Die Grünen) erklimmen, von wo sich ihnen gepflegte helfende Hände entgegenstrecken.

Ein Hoch auf grünen Nadelkord

Norbert Viertel erzählt diese große Geschichte klassisch am Bild eines Liebespaares: Student Werner Wartnich – entzückend authentisch gesprochen von Sebastian Walch –, dem eigenen spießigen Elternhaus entkommen, provoziert in der Familie der Freundin den nächsten Bruch zwischen den Generationen. Dann geht er aus Köthen nach Berlin an die Humboldt-Universität, wo schon neue, westdeutsche Studenten und Professoren jene Ordnung etablieren, die der Student für ein ebenfalls überholtes Modell von Gesellschaft hält.

Durch das ganze Stück springen höchst unterhaltsam zwei bärtige Figuren, die zu Fleisch und Blut geworden: Marx und Engels unter den Namen Müller und Meier in grünem Nadelkord und DDR-Jeans der Marke „Boxer“. Sie beobachten das Spektakel. Engels, der als Lokaljournalist tätig wird, hat sich die Rede eines Herrn Genscher angehört, der den Laden übernehmen will: „Das ganze erinnerte mich an Jennys Speisekammer. Du weißt schon: Das Loch in der hinteren Wand, und schon waren die Ratten da.“

Und Karl Marx? Weil Engels ihn von seinem mageren Einkommen nicht mehr aushalten will, landet Marx in einem Berliner Konzert- und Tanzclub im Studentenbezirk Prenzlauer Berg hinter dem Tresen der Garderobe, wo er sich mit den Widrigkeiten eines schlecht bezahlten Service-Jobs rumschlagen muss.

Das Hörbuch ist insgesamt ganz hervorragend besetzt, aber Jaecki Schwarz als Marx zuzuhören, macht die größte Freude. Sowohl seine Art des Erzählens als auch seine Wutausbrüche lassen sich nur mit gründlicher Vorbereitung, langer Erfahrung und perfekter Anverwandlung einer Rolle erreichen.

Während Marx das politische Engagement verliert, setzt sich Engels ins Audimax der Humboldt-Universität und gerät in Streit mit dem westdeutschen Professor der Soziologie: „Wer bezahlt dich, du Lump! Marx und Engels sahen ihre Aufgabe nicht darin, den Misthaufen der Gesellschaft zu analysieren, indem sie die einzelnen Wurmarten bestimmen. Ihnen ging es um eine Bewegungsrichtung. Und wenn da hundert Jahre später ein Zoologe namens Weber daherkommt und der Meinung ist, die beiden hätten einige Wurmarten übersehen, dann hat er damit erstens das, was die beiden wollten, nicht verstanden und zweitens die Theorie noch nicht zum Einstürzen gebracht.“

Es gibt so viele hübsche Einzelszenen im „Puzzle“, dass sie hier nicht alle erwähnt werden können. Zu danken bleibt Norbert Viertel für ein wortgewandtes, flottes, manchmal zartes und immer vor Scharfsinn blitzendes Hörstück, für einen ernsthaften, liebevollen Spaß mit den Ostdeutschen.

MARTIN Z. SCHRÖDER

NORBERT VIERTEL: Das Puzzle. Todlustige Szenen aus der deutsch-deutschen Ehe. Buch, Musik, Regie: Norbert Viertel. Sprecher: Dieter Mann, Jaecki Schwarz, Gerry Wolff, Walter Alich, Marlene Marlow, Sebastian Walch u.a. 235 Minuten. Avinus Verlag, Berlin 2003. 4 CD 32,00 Euro.

 

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